Viele Unternehmen begegnen dem Digitalen Produktpass (DPP) nicht mit Aufbruchsstimmung, sondern mit einer nüchternen Frage: Was müssen wir tun, damit unsere Produkte auch künftig ohne Einschränkungen auf dem EU-Markt verfügbar bleiben? Der DPP ist kein Thema der fernen Zukunft. Er entwickelt sich ab sofort schrittweise zu einer regulatorischen Anforderung, auf die Unternehmen ihre Datenbasis und Prozesse rechtzeitig vorbereiten müssen.
Die Herausforderung geht über zusätzliche Informationspflichten hinaus. Sie betrifft auch die Abstimmung zwischen Fachbereichen, IT, Lieferanten und Management. Wer den DPP nur als weitere Pflicht versteht, sieht vor allem Aufwand. Wer ihn zum Anlass nimmt, Produktdaten und Prozesse sauber zu strukturieren, schafft dagegen die Grundlage für Compliance und verbessert zugleich Service, Produktpflege und Weiterentwicklung.
Warum der DPP jetzt relevant ist
Der Digitale Produktpass steht im Zusammenhang mit der EU-Ökodesign-Verordnung (ESPR). Sie schafft den Rahmen dafür, dass bestimmte Produktgruppen künftig mit standardisierten digitalen Informationen versehen werden. Ab Februar 2027 wird der Ansatz erstmals für Batterien verbindlich: Dann greift die neue EU-Batterieverordnung, die den digitalen Batteriepass für Elektrofahrzeug-, Industrie- und LMT-Batterien vorschreibt. Weitere Produktgruppen werden schrittweise folgen.
Für Unternehmen aus betroffenen Branchen stellt sich damit nicht mehr die Frage, ob das Thema relevant wird, sondern wie gut die eigene Organisation vorbereitet ist, wenn die konkreten Anforderungen für die jeweilige Produktgruppe greifen. Wer erst dann beginnt, Datensilos aufzulösen, Verantwortlichkeiten zu klären und technische Grundlagen aufzubauen, gerät schnell unter Zeitdruck.
Der DPP wird im Alltag oft auf einen QR‑Code oder eine digitale Verlinkung am Produkt reduziert – das sichtbare Endergebnis. Dieses Ergebnis ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs: Bevor es entstehen kann, müssen Informationen aus Einkauf, Entwicklung, Produktion, technischer Redaktion, After Sales und der Lieferkette zusammengeführt, vereinheitlicht und über den gesamten Lebenszyklus hinweg gepflegt werden.
Welche Informationen der Digitale Produktpass bündelt
Im Kern ist der Digitale Produktpass eine strukturierte digitale Sammlung produktbezogener Informationen über den gesamten Lebenszyklus. Welche Inhalte verpflichtend werden, hängt von der jeweiligen Produktgruppe ab. Typischerweise geht es unter anderem um:
- Materialien und Komponenten
- Herkunft und Lieferkette
- Reparierbarkeit und Ersatzteile
- Nutzung, Wartung und Sicherheit
- Energieeffizienz
- CO2-Fußabdruck
- Lebensdauer
- Recycling und Entsorgung
Ein Teil dieser Informationen soll für Nutzer leicht zugänglich sein, etwa über QR-Codes. Andere Inhalte bleiben geschützt und stehen nur Behörden oder berechtigten Partnern zur Verfügung. Entscheidend ist deshalb weniger die sichtbare Oberfläche als die Qualität und Struktur der Daten im Hintergrund.
Warum viele Unternehmen noch nicht wirklich gestartet sind
Die größte Herausforderung liegt selten in der Darstellung der Informationen, sondern darin, verlässliche Quellen zu identifizieren, Daten systemübergreifend verfügbar zu machen und ihre Qualität im laufenden Betrieb zu sichern. In vielen Unternehmen verteilen sich relevante Daten auf ERP-Systeme, PLM-Umgebungen, Excel-Dateien, Lieferantendokumente, Serviceunterlagen, Redaktionssysteme und zum Teil auch Word-Dateien.
Wer den DPP angehen will, sollte deshalb nicht mit dem QR-Code beginnen, sondern mit der eigenen Datenrealität. Der DPP ist in der Praxis vor allem ein Daten- und Prozessthema. Er ist nur so belastbar wie die Strukturen, die ihn tragen.
Am Anfang stehen deshalb Fragen wie:
Welche produktbezogenen Daten liegen heute bereits vor?
In welchen Systemen befinden sie sich?
Welche Informationen fehlen noch?
Wie kommen Daten aus der Lieferkette ins Unternehmen?
Wer verantwortet Inhalte fachlich und formal?
Wie müssen Daten strukturiert sein, damit sie standardisiert weiterverarbeitet werden können?
Mit dieser Vorarbeit beginnt die eigentliche Umsetzung. Ohne sie bleiben weder Compliance noch Skalierbarkeit realistisch erreichbar.
Wo regulatorische Pflicht praktischen Nutzen schafft
Sobald Produktdaten sauber strukturiert, zentral verfügbar und systemübergreifend anschlussfähig sind, entsteht mehr als regulatorische Sicherheit. Dieselben Informationen lassen sich auch für interne Verbesserungen nutzen, etwa für:
- schnellere Serviceprozesse
- bessere Ersatzteilinformationen
- sauberere Versionsstände
- effizientere Produktpflege
- fundiertere Entscheidungen in Entwicklung und After Sales
- eine belastbarere Basis für digitale Zwillinge und datenbasierte Optimierung
Besonders deutlich zeigt sich das im Service. Wenn Produktinformationen strukturiert vorliegen, verkürzen sich Suchzeiten, Fehlerbilder lassen sich schneller einordnen und technische Teams müssen Informationen nicht mehr aus mehreren Systemen zusammensuchen. Aus einer Transparenzpflicht wird so ein konkreter Nutzen für Produkt- und Prozessqualität.
Wie der DPP an Industrie 4.0 anschließt
Der Digitale Produktpass steht nicht neben bestehenden Digitalisierungsinitiativen, sondern berührt zentrale Fragen industrieller Transformation: Datenverfügbarkeit, Interoperabilität, digitale Durchgängigkeit und ein durchgängiges Denken in Lebenszyklen. Deshalb tauchen in diesem Umfeld auch Begriffe wie Digitaler Zwilling, Asset Administration Shell, IDTA oder ECLASS auf.
Entscheidend ist weniger die Begriffswelt als ihr praktischer Gehalt. Unternehmen, die bereits mit strukturierten Datenmodellen, digitalen Zwillingen oder standardisierten Informationsflüssen arbeiten, bringen oft einen Teil der Voraussetzungen für den DPP bereits mit. Das verkürzt den späteren Umsetzungsaufwand.
Warum der DPP nicht in einer Abteilung aufgehoben ist
Weil der DPP tief in bestehende Abläufe eingreift, lässt er sich kaum sinnvoll einer einzelnen Funktion zuordnen. Liegt das Thema nur in der IT, fehlen häufig regulatorische und inhaltliche Anforderungen im Detail. Wird es allein in der technischen Redaktion verortet, geraten Datenflüsse und Integrationslogik aus dem Blick. Bleibt es im Compliance-Bereich, wird die operative Umsetzung oft zu spät mitgedacht.
Aus Managementsicht geht es daher weniger darum, wer am Ende den QR-Code bereitstellt. Entscheidend ist, wie eine belastbare Datenbasis über Produkt, Lieferkette, Nutzung und Lebenszyklus entsteht, die regulatorisch trägt und im Alltag nutzbar bleibt. Dafür braucht es einen funktionsübergreifenden Ansatz.
Woran sich belastbare DPP-Beratung zeigt
Im DPP-Umfeld reicht es für viele Unternehmen nicht, nur eine Software einzuführen. Gefragt ist ein Partner, der regulatorische Anforderungen einordnet, Produktinformationen fachlich versteht und Daten- sowie Content-Flows tragfähig aufsetzt. Dazu gehören vor allem diese Punkte:
Hier setzt EDAG an: als unabhängiger Partner zwischen Regulierung, Datenlogik, technischer Redaktion, Prozessintegration und operativer Umsetzung. Diese Verbindung ist relevant, weil viele Anbieter nur einen Teil des Themas abdecken.
Wie Unternehmen jetzt sinnvoll starten
Ein sinnvoller Einstieg beginnt nicht mit einem Perfektionsanspruch, sondern mit einem realistischen Blick auf den Status quo. In der Praxis haben sich dafür vier Schritte bewährt:
- Transparenz über den Ist-Zustand schaffen: Welche Daten liegen vor, wo liegen sie und wie belastbar sind sie?
- Regulatorische und operative Anforderungen zusammenführen: Welche Inhalte werden gebraucht, und welche Systeme oder Prozesse sind dafür relevant?
- Daten- und Content-Flows strukturieren: Informationen müssen standardisiert, pflegbar und wiederverwendbar werden.
- Den DPP als Entwicklungsthema behandeln: nicht als Einmalprojekt, sondern als Aufgabe für Betrieb, Qualitätssicherung und kontinuierliche Verbesserung
Wichtig ist dabei vor allem eines: Auch wenn für viele Branchen noch nicht jede Detailanforderung final feststeht, beginnt die Vorarbeit jetzt. Wer wartet, bis jede Pflichtposition vollständig definiert ist, verliert Zeit bei Datenstruktur, Verantwortlichkeiten und Systemanbindung.
Wie sich der DPP in einzelnen Branchen zeigt
Je nach Branche treten unterschiedliche Anforderungen in den Vordergrund:
- Automotive und Batterien: Hier greift die EU-Batterieverordnung bereits ab Februar 2027. Dann müssen Material-, Herkunfts- und Lebenszyklusdaten bereits belastbar als digitaler Batteriepass vorliegen.
- Elektronik und Haushaltsgeräte: relevant vor allem dort, wo Reparierbarkeit, Ersatzteilversorgung und transparente Nutzungshinweise an Bedeutung gewinnen
- Textilien: eng verknüpft mit Transparenz über Materialzusammensetzung, Herkunft und Recyclingfähigkeit
- Möbel, Bauprodukte und Maschinenbau: geprägt von Fragen zu Materialien, Lebensdauer, Wartung, Rückverfolgbarkeit und der Anbindung an bestehende Digitalisierungsinitiativen
Fazit: Die Vorarbeit beginnt jetzt
Der Digitale Produktpass wird für viele Branchen schrittweise zum Standard. Wer die Vorbereitung aufschiebt, erhöht später den Aufwand bei Daten, Prozessen und Verantwortlichkeiten.
Sinnvoller ist es, den DPP als regulatorische Pflicht frühzeitig ernst zu nehmen und zugleich als Anlass zu nutzen, die eigene Daten- und Produktlogik belastbar aufzusetzen. So entsteht aus einer Vorgabe eine Struktur, die auch operativ trägt.
Sie haben Fragen zum Digitalen Produktpass, zur Datenbasis oder zu den nächsten Schritten auf dem Weg zur DPP-Readiness? Natalie Völker ist gerne Ihre Ansprechpartnerin.
Wenn Sie einschätzen möchten, wie gut Ihr Unternehmen auf den Digitalen Produktpass vorbereitet ist, lohnt sich ein früher Blick auf den Readiness Check zum Digitalen Produktpass. Er zeigt, welche Daten, Prozesse und Verantwortlichkeiten bereits tragfähig aufgesetzt sind und wo noch Lücken bestehen.



